PQC Quick Win 8: Backup-Verschlüsselung quantenresistent absichern
Backups sind ein PQC-Sonderfall. Sie liegen länger als jede andere Datenklasse – Aufbewahrungspflichten von sechs, zehn oder dreißig Jahren sind in vielen Branchen Standard. Was heute in einem Backup eingefroren wird, ist morgen Geheimnisträger und übermorgen Beweismittel. Genau diese Langlebigkeit macht Backups zur Klasse-1-Zielmenge für “harvest now, decrypt later”. Quick Win 8 hebt die Backup-Verschlüsselung auf einen Stand, der diese Langlebigkeit aushält.
Die gute Nachricht: AES-256 reicht
Die symmetrische Verschlüsselung der Backup-Inhalte selbst – also der Algorithmus, der die eigentlichen Daten chiffriert – muss für die PQC-Migration in den meisten Fällen nicht getauscht werden. AES-256 gilt nach heutigem Stand auch im Quantenzeitalter als sicher: Grover halbiert die effektive Sicherheitsstärke, womit AES-256 auf rund 128 Bit landet – ausreichend für jede zivile Anwendung. AES-128 ist die Grenze, an der man genauer hinsieht; für neue Konfigurationen und langlebige Backups ist AES-256 die richtige Wahl.
Die weniger gute Nachricht: Die Schlüsselhülle ist das Risiko
Backup-Verschlüsselung ist in modernen Werkzeugen fast immer als Schichtenmodell aufgebaut: Die Daten selbst verschlüsselt ein symmetrischer Schlüssel (Data Encryption Key, DEK) – häufig AES-256 –, und dieser DEK wird seinerseits asymmetrisch oder über ein KMS in eine Schlüsselhülle (“key wrapping”) eingehüllt. Hier kommt die Quantenfrage ins Spiel: Wenn der DEK mit einem klassischen RSA- oder ECDH-Verfahren verpackt ist, kann ein zukünftiger Angreifer die Hülle mit einem Quantencomputer aufbrechen – und damit den DEK gewinnen, mit dem die AES-256-verschlüsselten Daten gelesen werden.
Genau deshalb ist die Backup-Verschlüsselung zweistufig zu betrachten:
- Datenebene: AES-256 als Algorithmus, ausreichend lange Schlüssellänge, geprüfte Modi (GCM oder vergleichbar) – das ist heute der Soll-Zustand.
- Schlüssel-/Hüllen-Ebene: Wie wird der DEK geschützt? Liegt er in einem HSM? In einem Cloud-KMS? In einer mit RSA-2048 verschlüsselten Datei neben dem Backup? Genau hier entscheidet sich die PQ-Resistenz der Lösung über die nächsten zehn Jahre.
Was Sie in der typischen KMU-Backup-Landschaft prüfen
Vier Stellen, die in einem Arbeitstag belastbar abklärbar sind:
- Backup-Software (Veeam, Acronis, NAKIVO, Rubrik, Borg, Restic, Duplicati u. a.): Welcher Verschlüsselungsalgorithmus ist konfiguriert? Wo liegt der Master-Schlüssel? Welche Empfehlung gibt der Hersteller für quantenresistente Konfigurationen?
- Cloud-Backup-Zielspeicher (S3, Azure Blob, Backblaze, Wasabi, eigene S3-kompatible Speicher): Welche serverseitige Verschlüsselung läuft? Wird ein KMS genutzt, und wenn ja, mit welchen Algorithmen?
- NAS- und Storage-Appliances mit eigener Verschlüsselung (Synology, QNAP, TrueNAS): Welche Volume-Encryption ist aktiv, wie wird der Schlüssel verwahrt?
- Bandsicherungen (LTO): LTO-eigene AES-256-Verschlüsselung ist Stand der Technik, der Knackpunkt liegt im Schlüsselmanagement – wer kennt den Wiederherstellungsschlüssel, wo liegt er, wer kommt im Notfall heran?
Sechs Konfigurations-Verbesserungen, die heute machbar sind
- AES-256-Konfiguration als Soll-Linie: Wo Backup-Software noch AES-128 anbietet und der Performance-Unterschied vernachlässigbar ist, auf AES-256 umstellen.
- Authenticated Encryption sicherstellen: GCM oder vergleichbare Modi statt CBC, damit Manipulationen erkannt werden.
- Schlüsselhülle erheben: Für jeden Backup-Job dokumentieren, wie der DEK geschützt ist und wo der Master liegt.
- KMS-Algorithmen bewerten: Wo Cloud-KMS genutzt wird, vom Anbieter die PQC-Roadmap für die Wrap-Algorithmen einholen (Schnittstelle zu Quick Win 7).
- Offline-Wiederherstellungsschlüssel quantensicher verwahren: In Tresor / Schließfach mit klarer Zuständigkeit; idealerweise mit längerer Schlüssellänge (RSA-4096 ist auf klassischen Computern komfortabel, gegen Quantencomputer trotzdem nicht resistent – das gehört in die Risiko-Bewertung).
- Restore-Test: Wer noch nie einen Restore-Test unter PQ-Annahmen gefahren ist, fährt diese Woche einen. Ein Restore, dessen Schlüssel niemand mehr beschaffen kann, ist kein Restore.
Was Sie dabei nicht lösen können
Bereits existierende Backups, deren Schlüsselhülle klassisch RSA/ECDH-verschlüsselt ist, lassen sich nicht rückwirkend PQ-härten. Hier ist die ehrliche Entscheidung: Welche Altbestände sind so kritisch, dass sie jetzt mit einer PQ-resistenten Hülle neu verschlüsselt werden müssen, welche fallen unter Restrisiko? Diese Triage gehört in die Risikoakte – sie ist zentrale PQC-Hausaufgabe der nächsten zwei Jahre.
Was Sie diese Woche tun sollten
- Für jede Backup-Strecke Algorithmus auf Datenebene und Schlüsselhülle dokumentieren.
- Konfigurationen auf AES-256-GCM bringen, wo das ohne nennenswerten Aufwand möglich ist.
- Hersteller-Anfrage zu PQ-resistenter Schlüsselverwaltung verschicken, in der Lieferanten-Akte aus Quick Win 7 ergänzen.
- Triage der Altbestände starten: Welche Backups sind so langlebig und sensitiv, dass sie eine neue Schlüsselhülle bekommen sollten?
- Restore-Test fahren – inklusive Wiederherstellungs-Schlüssel-Beschaffung im “Realfall”.
Fazit
Backups sind die langlebigsten Geheimnisse, die Ihr Unternehmen heute schafft. Die Datenebene mit AES-256 ist PQ-sicher abgedeckt – die Schlüsselhülle ist es selten. Quick Win 8 trennt diese beiden Schichten sauber, härtet, was heute härtbar ist, und macht den Rest in der Risikoakte sichtbar. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Ihre Aufbewahrungspflichten in zehn Jahren noch etwas wert sind.
Quellen
- BSI TR-02102-1 – Kryptographische Verfahren: Empfehlungen und Schlüssellängen https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Unternehmen-und-Organisationen/Standards-und-Zertifizierung/Technische-Richtlinien/TR-nach-Thema-sortiert/tr02102/tr02102_node.html
- NIST SP 800-38 – Recommendation for Block Cipher Modes of Operation https://csrc.nist.gov/publications/sp800
- NIST – Status Report on the Final Round of the PQC Standardization Process https://csrc.nist.gov/publications
- BSI – Migration zu Post-Quanten-Kryptografie (Handlungsempfehlungen) https://www.bsi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/BSI/Krypto/Post-Quanten-Kryptografie.html
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